Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft
Poet & Praeceptor
Der Tagungsband vereint 27 wissenschaftliche Beiträge zu Leben und Werk des Oberlausitzer Dichters, Gelehrten und Pädagogen Christian Weise.
Inhaltsverzeichnis:
Festvortrag: Christian Weise - Poet und Praeceptor (Hans Gert Roloff, Berlin)
Christian Weises Leben
Der „private Weise“ im Spiegel seiner Korrespondenz mit besonderer Berücksichtigung der Vater-Sohn-Beziehung (Günther Rautenstrauch, Weimar)
Christian Weise und sein Abschied von Weißenfels (Otto Klein, Weißenfels)
Zum Geistesband zwischen dem Zittau Christian Weises und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (Siegfried Wollgast, Dresden)
Neues von einem alten Zittauer: neu- und wiederentdecktes aus Christian Weises Leben im Spiegel zeitgenössischer Dokumente (Uwe Kahl, Zittau)
Christian Weise als Pädagoge und das Schultheater
Die Kontingenz der Literatur. Christian Weises "Spiele im Spiel" (Claus-Michael Ort, Kiel)
Die Theaterpraxis am Zittauer Gymnasium unter Christian Weise (1678-1708) und Gottfried Hoffmann (1708-1712) (Ulrike Wels, Potsdam)
Einige Bemerkungen zu Christian Weises nicht erhaltenem Drama über den König Wenzel (Jaroslav Bužga, Prag)
Christian Weises Umfeld - Zittau im Barockzeitalter
Christian Weise und das Gregoriusfest in Zittau (Anna Carrdus, Bristol/GB)
Der Einfluss Christian Weises auf das soziale Leben Zittaus am Beispiel seiner Texte zum Waisenhaus (Yvonne Trenkler, Herrnhut)
Mythische Kindestötung als dramatisches Motiv bei Weise und Lessing (Winfried Woesler, Osnabrück)
Christian Weise als Schulmann (Reimar Lindauer-Huber, Halle)
Christian Weise und die zeitgenössische Bohuslav-Balbín-Rezeption (Ludwig Richter, Berlin)
Christian Weises Werke - ihre Überlieferung und Wirkung
Christian Weises "Der grünen Jugend nothwendige Gedancken" (1675) und die Tradition der Schulpoesie (Barbara Becker-Cantarino, Columbus/USA)
Christian Weises galante Welt in den "Curioesen Gedancken von Deutschen Briefe" (1692) (Tomasz Jablecki, Wroclaw/Polen)
Christian Weise in den Beständen der Universitätsbibliothek in Wroclaw (Jolanta Szafarz, Wroclaw/Polen)
Quacksalber in den Schriften Christian Weises und Jahann Kuhnaus: Der Politische quacksalber (1693) und Der Musicalische Qvack=salber (M A Katritzky, Milton Keynes/GB)
Politischer Redner und Hofberedsamkeit. Poetologische Strukturvergleiche bei Christian Weise und Johann von Besser (Andreas Keller, Potsdam)
Christian Weise und die zeitgenössische Musik in Zittau
Verkehrte Welt, verkehrte Kunst? Zur Musik im Theater Christian Weises (Michael Heinemann, Dresden)
Zittauer Gebrauchsmusiken mit Texten von Christian Weise. Forschungen zur Musikgeschichte der Stadt Zittau (1679-1697) (Sven Rössel, Dessau)
"Galathee" und "Melisse": Christian Weises frühes Schauspiel als Fastnachtsoper in Pfalz-Neuburg (Christiane Caemmerer, Berlin)
Schauspielmusik in der Frühen Neuzeit: Weises "Der Gedemühtigte und wiederum erhöhte Nebucadnezar aus Assyrien" (Irmgard Scheitler, Würzburg)
Christian Weise und seine Schüler
Als Kapellmeister am Hofe Augusts des Starken- Leben und Schaffen von Johann Christoph Schmidt (1664-1728) (Uta Dorothea Sauer, Dresden)
Christian August Freyberg und Johann Christian Gerstner. Zwei "Weisianer" als Lehrer an der Annenschule in Dresden (Steffen Stolz, München)
Christian Weise und das Große Zittauer Fastentuch (Volker Dudeck, Zittau)
"Wo werd ich noch mein Ruheplätzgen finden": Christian Weises Gedicht "Der ungewissen Liebhaber Nacht-Gedancken" im Vergleich zur Nocturne-Lyrik der deutschen Romantik und chinesischen Tang-Dynastie (Thomas Gwinner, Zhongli/ Taiwan)
Christian Weises Complimentir-Comödie (1677) (Paul Michel, Zürich)
Aus dem Resümee des Veranstalters des Christian-Weise-Symposiums, der Kultur- und Weiterentwicklungs GmbH Löbau-Zittau:
Die während des zweiten internationalen Christian-Weise-Symposiums ... vorgestellten ... Ergebnisse in der literaturwissenschaftlichen und bildungsgeschichtlichen Forschung werden in Fachkreisen eine große Beachtung finden. Darüber informierte Professor Hans-Gert-Roloff von der Freien Universität Berlin in einem Schreiben an die Kultur - und Weiterbildungsgesellschaft mbH in Löbau.
Bereits zu Beginn der Tagung am 21. Oktober 2008 war es dem renommierten Wissenschaftler gelungen in seinem Zittauer Festvortrag zum Thema „Christian Weise - Poet und Praeceptor“ in dem Gelehrten eine bedeutende geistesgeschichtliche Persönlichkeit darzustellen, deren geistiges Konzept sich in der festen Symbiose zwischen Dichtung und Didaktik verankerte. Abseits von bisherigen Darstellungen Weises, die eine Trennung in den "Dichter von Dramen und Gedichten" und den berufstätigen "Lehrer und Schuldirektor" hob Roloff hervor, dass es vor allem Ziel Weises war, die junge Generation in öffentlichem Auftreten, Sachkenntnis und persönlichen Leistungen zu qualifizierten Persönlichkeiten heranzubilden. In diesem didaktischen Sinn habe Weise mit großem Einsatz das Schultheater entwickelt. Erst über diesen Zugang zu Weise als Symbiose von Poet und Praeceptor entstehe der Zugang zu Weises über 60 Dramen, so Roloff.
Diese allgemeine Tendenz des Symposiums wurde von weiteren Referaten unterstützt und bereichert. Dazu zählten die Hinweise auf Christian Weises Verhältnis zu seinem Vater und zu den Gründen für seinen Abschied von Weißenfels in den Vorträgen von Günther Rautenstrauch (Weimar) und Otto Klein (Weißenfels). Als sehr interessant und für das Weise-Gesamtbild wichtig wurden auch die pädagogischen Informationen von Reimar Lindauer-Huber (Halle) vom Plenum aufgenommen. In literaturwissenschaftlicher Hinsicht überzeugten wegen ihres modernen Ansatzes die Ausführungen von Claus-Michael Ort (Kiel) zu Weises Technik der "Spiele im Spiel" und Ulrike Wels' (Potsdam) Darlegungen der Theaterpraxis von Gottfried Hoffmann, dem Schüler und Nachfolger Christian Weises im Jahre 1708.
Als sehr aufschlussreich bewertet wurden auch die Beiträge zum Themenkomplex "Christian Weises Umfeld". Hier berichtete Anna Carrdus (Bristol/GB) über Weises Anteilnahme am Gregoriusfest in Zittau. Yvonne Trenkler (Herrnhut) informierte über Weises Engagement für das Waisenhaus Zittau - beides sozialkundliche Beiträge, die zum ersten Mal Weise diesem Beziehungsfeld zuführten. Winfried Woesler (Osnabrück) ging in seinem gründlichen und aspektreichen Vortrag dem Motiv der mythischen Kindestötung bei Weise und Lessing nach. Siegfried Wollgast (Dresden) wies überzeugend auf die Beziehungen zwischen Weise und Tschirnhaus hin und Ludwig Richter (Berlin) zeigte detailliert, wie eng die freundschaftliche Verbindung zwischen Christian Weise und dem Prager Jesuiten Bohuslav Balbin war, deren beider Briefwechsel in Kürze von Ludwig Richter vorgelegt werden wird.
Höchst beachtenswerte Aspekte, die das bisherige Weisebild im literarischen Rahmen bereichern, brachte Barbara Becker-Cantarino (Columbus, Ohio/USA) mit ihrer Untersuchung von Weises frühester Lyrik ein, die zwar der Leipziger Studentenwelt verbunden war, aber bereits in metaphorischer und moralischer Hinsicht neue und eigene Wege erkennen lässt. Thomasz Jablezki (Wroclaw) zeigte, wie die "Galante Welt" in Weises Briefsteller beschaffen ist und regte zu einer weitergehenden Diskussion über das Verständnis von Weises Auffassungen des Begriffs des "Galanten" an. Andreas Keller (Potsdam) verdeutlichte an einem instruktiven Strukturvergleich je eines Autographen von Weise und Johann von Besser, wie beide sich unterschiedlich um politische bzw. höfische Rede bemühten. In feuriger Suade zeigte Thomas Bürger (Dresden) wie die Weise-Forschung in Zukunft einen guten Überblick über die gedruckten Werkbestände in Europa erhalten kann, wobei die handschriftlichen Bestände noch nicht erschlossen sind.
Sehr aufschlussreich für das künftige Weise-Bild erwies sich auch die Sektion "Christian Weise und die zeitgenössische Musik in Zittau". Michael Heinemann (Dresden) sprach zur Funktion der Musik in Weises Theater und Irmgard Scheitler (Würzburg) machte an einem Drama Weises deutlich, wie wichtig für das Textverständnis die Musik in diesen Dramen ist. Sven Rössel (Dessau) informierte in seinem Vortrag über die Zittauer Gebrauchsmusiken mit Texten von Weise. Christiane Caemmerer (Berlin) gelang in ihrem Vortrag der Nachweis, dass die Galathea-Oper, die am Pfalz-Neuburger Hof gespielt wurde, aus der Feder Weises stammte und nicht wie bisher angenommen aus der von Schlegel. Das leitete die Diskussion dazu über, in Zukunft auch die Theater - Aufführungen Weisischer Dramen außerhalb Zittaus zu erforschen.
Über Weises Außenwirkungen informierten weiter auch die Vorträge von Ute Dorothea Sauer (Dresden), die dem Leben von Kapellmeister Johann Christoph Schmidt, einem Schüler Weises, detailliert nachging. Steffen Stolz (München) stellte zwei Weise-Schüler als Lehrer an der Dresdner Annen-Schule vor. Volker Dudeck (Zittau) berichtete schließlich über das Zittauer Fastentuch und Weises Dichtung dazu.
Das Resumee der Tagung, wo Uwe Kahl (Zittau) auch in die Altbestände der Christian-Weise-Bibliothek einführte, erbrachte, dass aus allen Beiträgen Ansätze zur Neuprofilierung des geistigen Bildes von Christian Weise hervorragten und dass diese Ansätze weiterverfolgt werden sollten. Es kristallisierte sich heraus, dass eine weiträumige Erschließung Weises von der Edition weiterer Schriften abhinge. Da die Edition der poetischen Schriften sich dem Ende nähere, werde die zweite Reihe mit Fachliteratur, Reden und Briefen Weises zu eröffnen sein. Erste Absprachen für Kopperationen wurden getätigt, informierte Professor Hans - Gert Roloff weiter.
Die Tagungsteilnehmer äußerten den Wunsch, dass es in absehbarer Zeit zu einer weiteren Weise-Tagung unter der Regie der Kultur- und Weiterbildungsgesellschaft kommen sollte, zum Beispiel: „Weise und die Wissenschaften seiner Zeit“.
Festeinband, 524 S.,
ISBN 978-3-940310-51-4 / EUR 68.00
