Neuerscheinungen

Krzysztof Okonski

Auf der Suche nach der verlorenen Freiheit

Die international renommierte polnische Exilzeitschrift „Kultura” wurde 1947 in Rom gegründet und erschien später, bis zuletzt im Jahr 2000, in Paris. 637 Ausgaben, die sich mit allen dominierenden Problemen Polens, Deutschlands und Europas auseinandersetzten, von literarischen, politischen und historischen Aspekten angefangen bis hin zur oppositionellen Bedeutung der polnischen Rockmusik in den achtziger Jahren, bilden ein relevantes Kapitel nicht nur in der Geschichte der Publizistik. Ein reges Interesse an den durch Zensur und andere Maßnahmen beschränkten Kontakten beweisen den Willen, nach der verlorenen Freiheit in allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu suchen. Dieses Ziel, das im Thema dieser Dissertation und früher im Titel eines Artikels von Konstanty A. Jeleński über die deutsche Literatur der fünfziger Jahre angedeutet wurde, brachte nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Qualität in den Dialog zwischen den Deutschen und Polen.

Seit über zweihundert Jahren mit Feindschaft und Vorbehalten belastet, sollte sich dieser Dialog, wie dies die „Kultura”-Autoren anstrebten, auf einer anderen, demokratischen und europäischen Ebene entwickeln. Der durch den Nationalsozialismus, den Kommunismus und nicht zuletzt (bei allen Unterschieden) durch den Konsumwahn des westdeutschen Kapitalismus verdrängte Freiheitsraum bildete für Chefredakteur Jerzy Giedroyc und seine Mitarbeiter ein komplexes Problem, von dem sie selbst als Emigranten betroffen waren.

Da die Geschichte der Zeitschrift und praktische Auswirkungen der dort präsentierten Inhalte in einem engen Zusammenhang mit den politischen Umbrüchen und Ereignissen in Polen zu sehen sind, kann die Tätigkeit des Pariser Exilmagazins in einer Zeitspanne zwischen 1947 und 1989 und im weiteren Teil bis zum Tode von Jerzy Giedroyc (2000) behandelt werden.

Den chronologischen Rahmen für diese Abhandlung bilden die Herausgabe der ersten Nummer der „Kultura” in Rom (Juni 1947) und das Erscheinungsdatum der Rezension über die Blechtrommel von Günter Grass (1962). Die Festsetzung der oberen Grenze auf ein in literarischer und historischer Hinsicht bedeutungsloses Jahr markiert symbolisch den Ausklang dreier in dem Pariser Magazin feststellbaren Tendenzen, die sich mit den folgenden Punkten wiedergeben lassen:

1. die Veröffentlichung von Erinnerungen an die Naziherrschaft in Polen (Widerstand gegen die Besatzer, Massenvernichtung, Holocaust usw.) und an die dem Krieg vorausgehenden Entscheidungen;

2. die Darstellung der aktuellen, auf Politik oder Literatur bezogenen Themen mit einem beinahe automatischen Hinweis auf die heikle Frage der Abrechnung mit der braunen Vergangenheit des westlichen Nachbarn Polens;

3. der Versuch, den Kommunismus und den Nationalsozialismus als verwandte Erscheinungen konfrontativ zusammenzustellen.

Mit anderen Worten bildeten die Jahre 1947-1962 einen Zeitraum, in dem die Rezeption der literarischen und politischen Entwicklung Deutschlands in eine direkte Verbindung mit den Folgen und Einflüssen zweier barbarischer Diktaturen gebracht wurde. Die totale Niederlage des „Dritten Reiches”, ein neuer, fortschreitender Totalitarismus in der DDR und andererseits die Festigung demokratischer Machtstrukturen in der BRD weckten gleichzeitig (verständlicherweise) Ängste und Hoffnungen, die nicht nur in der gefährlichsten Phase des Kalten Krieges in einer historischen Perspektive gesehen werden mussten.

Die nachfolgende Zeit zeichnete ein deutlich stärkeres Interesse des „Kultura”-Kreises an der gegenwärtigen Entwicklung in beiden deutschen Staaten ab. Die Studentenrevolte des Jahres 1968 und die ihr vorausgegangene mentale Wende innerhalb der jungen Generation bedeutete für die Autoren der Pariser Zeitschrift die Notwendigkeit, sich mit den Folgen des steigenden Linksradikalismus auseinanderzusetzen. Wegen des umfassenden Charakters dieses Protestes war es kaum möglich, die Ereignisse an der Universität in Warschau und die Reaktionen auf die in jener Zeit in der VR Polen entfesselte antisemitische und antiintellektuelle Kampagne ohne einen Zusammenhang mit der Auflehnung der westdeutschen Jugend zu sehen. Die durch Arbeiterproteste unterbrochene (scheinbare) Erfolgsstory der vom Ersten Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei Edward Gierek und vom Premierminister Piotr Jaroszewicz regierten VR Polen und die auslaufende 68er-Bewegung (auch in deren drastischer Form, wie die Tätigkeit der Roten Armee Fraktion und der Deutsche Herbst 1977) stellten die Schriftsteller vor die Notwendigkeit, die vom Staat gesteuerte Gewalt und den politisch inspirierten Terrorismus zu thematisieren.

Die von solchen Autoren wie Heinrich Böll und Günter Grass oder Witold Wirpsza und Wiktor Woroszylski erhobene Kritik an den repressiven Mechanismen des Staatsapparates – nicht nur in ihren Heimatländern – verlief parallel zu den in der „Kultura” dokumentierten Versuchen, einen über die kommunistische Zensur hinwegreichenden deutsch-polnischen Literaturdialog zu schaffen. Eine Intensivierung der gegenseitigen (geheimen) Kontakte zwischen den schikanierten Schriftstellern in der VR Polen und den westdeutschen Autoren, die sich beim Kampf um die Meinungsfreiheit östlich der Oder engagierten, ist allerdings mit der Verhängung des Kriegsrechts durch General Wojciech Jaruzelski am 13.12.1981 in Verbindung zu bringen.

Im Hinblick auf die vielschichtige und umfangreiche Geschichte der durch die „Kultura” inspirierten Schritte auf der Suche nach der in Deutschland und Polen verlorenen Freiheit entsprach die Festlegung des chronologischen und thematischen Forschungsraumes den oben umrissenen Etappen. Eine wesentliche Wende in der Rezeption der deutschen Literatur vollzog sich mit der Herausgabe der Blechtrommel. Das Werk von Günter Grass wurde als Kulturereignis (und künstlerischer Erfolg) zum Bahnbrecher für einen nach langer Pause aufgenommenen Literaturdialog beider Völker. Gerade die Verknüpfung von Erinnerungen an die Nazi-Herrschaft und eine kritische Stellungnahme zu der Problematik des demokratischen Aufbaus in der jungen Bonner Republik mit polnischen Motiven wies dem Roman den Platz „zwischen Polen und Deutschland” zu, was in der Nachkriegszeit im „Kultura”-Kreis als eine positive Wende empfunden wurde.

Der chronologische Forschungsrahmen dieser Dissertation und die literaturhistorische, auf Deutschland bezogene Publizistik der Pariser „Kultura”, die hier analysiert wurde, ermöglichen es, die Relevanz der dort publizierten Inhalte anhand von drei Thesen wiederzugeben:

1. Die Zeitschrift verfolgte konsequent das Ziel, als eine Alternative zur politisch verstrickten Literaturrezeption in der Volksrepublik Polen zu gelten.

2. Die „Kultura”-Autoren erkannten die Notwendigkeit, angesichts der propagandistischen Verwendbarkeit der „deutschen Gefahr” (auch in manchen Exilkreisen), ein kompetentes, vollständiges Bild Deutschlands und seiner Literatur schon in den ersten Nachkriegsjahrzehnten dem polnischen Leser vorbehaltlos zu bieten.

3. Das Haus in Maisons-Laffitte und das dort redigierte Magazin waren eine institutionelle Basis für die Aufnahme und Entwicklung von Kontakten zwischen den deutschen und polnischen Kultureliten. Unabhängig von einem unbeschränkten Gedankenaustausch bot die Zeitschrift und die vielseitige Tätigkeit des Literaturinstituts den deutschen Empfängern und Partnern die Möglichkeit, sich einen Einblick in ein offenes, europäisch geprägtes und liberales Polen zu verschaffen.

(aus der Einleitung des Verfassers)

Kartoniert, ca. 450 S.
ISBN 978-3-86276-250-7
EUR ca. 32,00

Erscheint zur
Leipziger Buchmesse 2018