Neuerscheinungen

Sandra Marunska

Otfried Preußlers kinder- und jugendliterarische Texte zwischen didaktischem Auftrag und kulturpolitischer Sendung

Das literarische Schaffen Otfried Preußlers (1923–2013; bis 1941 Otfried Syrowatka) ist als eine interkulturell zu würdigende Leistung zu verstehen, als ein Werk, das in sich mehrere nationale und ethnische Einflüsse vereinigt. Preußler schöpfte reichlich aus den vorhandenen Quellen, deren Entstehung einer Jahrhunderte andauernden Arbeit germanischer, slawischer und romanischer Völker zu verdanken ist, einer Arbeit, deren Ergebnisse sich in der Oralität der jeweiligen Menschengruppe niederschlagen, später auch in der Schriftkultur.

Der Entstehung dieses Buches, das sich nicht zuletzt als eine Hilfeleistung für kreative Lehrer versteht, gingen jahrelange Recherchen, ein zeitaufwändiges Herumblättern in alten und neueren Sammlungen von Märchen, Sagen, Legenden aus mehreren ostmitteleuropäischen Ländern voraus. Es war ein in vieler Hinsicht fantastisches Abenteuer, das eine neue Dimension erschließen lässt, und zwar eine Dimension, die allen Nationen des alten Kontinents gemeinsam ist: die des Volkstümlichen, das heißt des Naiv-Einfachen in der Auslegung von physikalischen und geistigen Phänomenen, zugleich aber die des Wahren, des Menschlichen. Als ein besonders tiefes Erlebnis erwies sich die Lektüre von Sagen der Rumäniendeutschen, in denen man – oft auf den sogenannten ersten Blick – rumänische, slawische (hier vor allem ukrainische und slowakische), ungarische, jüdische und sogar türkische Einflüsse feststellen kann. Der gar unübersehbare Reichtum an literarischen Gattungen – Sagen, Märchen, Legenden, Mythen und anderen Überlieferungen aus dem Schatz der mitteleuropäischen Volkskultur, ist ein künstlerisch verfremdeter Bestandteil des Schaffens von Otfried Preußler.

In einigen Kapiteln dieser Arbeit, die sich nicht direkt mit dem Werk von Otfried Preußler befassen, wird auf bestimmte Entwicklungslinien der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur eingegangen; es werden dabei die wichtigsten Diskussionen über die Leseförderung und literarische Sozialisation angesprochen und in einem Überblick dargestellt. Ein Teil der Ausführungen wird in einen politischen beziehungsweise kulturpolitischen Kontext gestellt, und zwar den der anzustrebenden Abrechnung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des deutschen Staates sowie der Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus ihrer angestammten Heimat im Osten Europas, allen voran aus Böhmen. Immer wieder wird aber dabei auf das literarische Werk und die Erinnerungen Preußlers rekurriert, um seinen Platz im westdeutschen beziehungsweise bundesdeutschen Literaturbetrieb bestimmen zu können.

Inhalt

1. Zur Lage der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur

1.1 Einleitung

1.2 Kinder- und jugendliterarische Texte als Speicher historischen Wissens

1.3  Neuere Entwicklungen

2. Zu didaktischer Bedeutung der Kinder- und Jugendliteratur

2.1 Einleitung

2.2 Zur Didaktik der Kinder- und Jugendliteratur

2.3 Literarische Sozialisation und literarische Bildung

2.4 Lesen als Erziehungsmedium

2.5 Kinderliterarische Texte als Instrumente religiöser Erziehung

3. Otfried Preußler. Prolegomena zu Person und Werk

3.1  Das verschollene Geschichtenbuch der Großmutter

3.2 Preußler und seine Leser

3.3 Preußlers Kinderbücher und die Lesekompetenz

3.4 Das Schreiben als Produkt einer virtuellen Partnerschaft

3.5 Otfried Preußlers Texte als Gegenstand literarhistorischer und literaturdidaktischer Forschung

3.5.1 Otfried Preußler zum 50. Geburtstag

3.5.2 Otfried Preußler. Werk und Wirkung

3.5.3 Geschichten für Menschenkinder. Otfried Preußler zum 70. Geburtstag

3.5.4 Das Mysterium der Mühle. Mit einer Deutung der Geschehnisse in Otfried Preußlers Roman „Krabat“

3.5.5 Otfried Preußler. Von einer Poetik des Kleinen zum multimedialen Großprojekt

3.5.6 Sonstige Untersuchungen zu Preußlers literarischem Werk

4. Otfried Preußler und die deutsche Erinnerungskultur

4.1 Die Erinnerung erschreiben, die Geschichte erlesen

4.2 Sudetenland als ein politisch belasteter Gedächtnisraum

4.3 Eine Mutige aus Böhmen: Anmerkungen zu Gudrun Pausewangs Texten

4.4 Preußler und das schwierige Thema der Vertreibung

4.5 Zwei Reden zur Verleihung des Eichendorff-Literaturpreises

4.6 Gegen die Vermarktung als Sänger der verlorenen Heimat

4.7 Die abhanden gekommene Weihnachtskrippe

4.8 „Der Onkel Watzlik“. Ein fragwürdiges Vorbild

4.9 Der zaubernde Lehrer Klingsor

4.10 Der Berggeist Rübezahl als symbolische Bezugsfigur

4.11 Exkurs: Erntelager Geyer – ein Jugendroman eines Jünglings

5. Kleine Figuren für große Fantasie: Wassermann, Hexe und Gespenst

5.1 Einleitende Bemerkungen

5.2 Der Wassermann-Stoff im europäischen Sagen- und Märchengut

5.3 Der kleine Wassermann (1956)

5.4 Die kleine Hexe (1957)

5.5 Das kleine Gespenst (1966)

5.6 Schlussbemerkungen

6. Zur schöpferischen Rezeption von russischen und ostslawischen Märchen in Otfried Preußlers Texten

6.1 Einführende Bemerkungen

6.2 Der goldene Brunnen (1984)

6.3 Die Abenteuer des starken Wanja (1968) und verwandte Stoffe

6.4 Ein Kinderbuch der Kinderbücher: Der Räuber Hotzenplotz (1962)

7. Zum Motiv des Zauberlehrlings im europäischen Märchen- und Sagengut und zum Jugendroman Krabat

7.1 Einführende Bemerkungen

7.2 Die Symbolik der Mühle, Motive und Gestalten in Müllersagen und -märchen

7.3 Die Krabat-Sage und verwandte Stoffe

7.4 Krabat (1971)

7.6 Sage oder Märchen?

7.5 Schlussbetrachtungen

Bibliographie

Primärliteratur

Texte von Otfried Preußler

Interview

Andere literarische Texte, Anthologien, Märchen‑ und Sagensammlungen

Sekundärliteratur

Kartoniert, ca. 280 S.
ISBN 978-3-86276-247-7
ca. EUR 24,00

Erscheint zur
Leipziger Buchmesse 2018