Regionalia

Leszek Libera

Buks Molenda

Leszek Libera wurde 1948 in der polnischen Stadt Racibórz (Ratibor, Oberschlesien) geboren. Er studierte Polonistik an der Universität Wrocław (Breslau), war als Lehrer und Bibliothekar in Cieszyn (Teschen) tätig, sodann als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Poznań (Posen). 1980 reiste er in die Bundesrepublik Deutschland aus.

Er übernahm einen Lehrauftrag an der Universität Münster. Nach der Habilitation 1994 ist er als Professor für Literatur an der Universität Zielona Góra (Grünberg) tätig. Er lebt in Essen und Zielona Góra.

Leszek Libera ist Autor mehrerer Bücher über die polnische und deutsche Romantik. Im Neisse Verlag erschien 2011 sein Debütroman „Der Utopek“ (ISBN 978-3-86276-000-8).

 

Leseprobe

[…] Um die unangenehmen Eindrücke loszuwerden, träumte ich ein wenig von der Krupaschen Stute, die den gewöhnlichen Weibern haushoch überlegen war mit ihrer angeborenen Anmut und ihrer natürlichen Zierde; ein Umstand, von dem bereits die alten Griechen schwärmten, so daß in ihren Olivenhainen wunderliche Gestalten gesichtet worden waren auch Zentauren genannt. Dann aber wachte ich auf, zündete die Kerze an, um mir den Fürsten genauer anzuschauen. Schien lebendiger geworden zu sein, aber vielleicht war das nur eine Sinnestäuschung. Ich sagte, nun gehe ich aber auf die Schule und du bleibst schön ruhig hier.

Ich schlüpfte an die Oberfläche, nachdem ich die schwere Steinplatte hatte heben müssen mit dem Risiko, meine Hodenaufhängung zu zerstören. Ich lief das linke Oderufer entlang und überlegte, was unternommen werden könnte gegen die drohende Beschädigung des empfindlichen Hodenapparates.

Wo hast du wieder solange gesteckt du verdammter Unhold, schrie mich Herr Kaminski an ließ seine Bambusrute schwingen und ging auf mich los.

Herr Lehrer, sagte ich, indem ich mich eilig neben Gundula Bania setzte, würden Sie mir bitte die Gravitationsgesetze erklären.

Herr Kaminski verstummte, hielt inne. Die Schulkameraden und die drei Mädchen, die sich an diesem Tage in der I. A. Schule eingefunden, guckten mich an, die Mäuler aufgesperrt, Zähne kaum vorhanden.

Gravitationsgesetze, blubberte Herr Kaminski, sabberte vor Erregung. Wie kommst du auf die Gravitationsgesetze, du Schlaumeier, schrie er erbost, stockte.

Ich sah ihn nicht einmal an, denn mein Interesse galt augenblicklich dem Busen von Gundula Bania.

Wozu brauchst du das, fragte er, mißtraute meiner Kleidung, verfing sich in seiner Ungewißheit.

Ohne den Kopf umzudrehen zeigte ich mit dem Daumen auf die Gundula Bania, welche in den letzten Jahren ein mächtiges Weib geworden ist.

Herr Kaminski kicherte, schien verstanden zu haben.

Na gut ihr Idioten, jetzt aber hinschauen und lesen hier, schrie er, nahm die Kreide schrieb an die Tafel zwei Buchstaben: I und A, und das ganze Schulgebäude erbebte von dem eingeübten Schrei i – a. Und jetzt ihr Idioten. Er schrieb wieder etwas an die Tafel, was niemand verstand, so daß es still wurde auf der Dachstube, in der sich die große Abteilung der I. A. Schule befand.

Na was steht da, fragte Herr Kaminski.

Nefton, rief ich aus, während die anderen Schüler stumm blieben, weil sie nichts lesen konnten außer die zwei Großbuchstaben I und A, welche aber hier gar nicht drin waren.

Richtig, sagte Herr Kaminski, sah mich verstört an, dann aber mit Anerkennung.

Nefton, fuhr er fort, war ein Engländer und hat drei Gesetze der Natur festgelegt. Nun paßt gut auf, die Erstklässler brauchen nicht aufzupassen, sie malen jetzt im Heft die Mutti in der Küche. Habt ihr die Stifte bei, fragte er. Ja, schrien die Erstklässler, obwohl sie wie immer keine Stifte hatten.

Herr Kaminski zeigte sich zufrieden, beachtete die Erstklässler nicht mehr, fuhr fort, indem er mich verstohlen ansah:

Das erste Gesetz von Nefton lautet soweit ich mich richtig erinnern kann, hier sah er düster drein, schluckte, strengte sich ordentlich an als ob er sein Gedärm entleeren wollte, rot im Gesicht stieß er aus – ohne äußere Krafteinwirkung bleibt ein Körper im Zustand der Ruhe auf jeden Fall so ähnlich.

Scheiße, sagte ich laut, weil ich dieses Gesetzt schon lange kannte.

Eine Steinplatte liegt da, sagte ich, und sie rührt sich nicht von selber. Gleichzeitig schmierte ich Gundula Bania eine rein, weil sie mit ihrer Zunge an meinen Pickel wollte und mir die Salbe ablecken.

Ja genau, bestätigte Herr Kaminski, man muß nämlich wissen, daß die Ursache jeder Änderung des Bewegungszustandes das Wirken von Kräften ist.

Ist das nicht gemein, seufzte ich enttäuscht. Es heißt also, man muß immer selber heben schieben und rollen.

So ist es, pflichtete mir Herr Kaminski bei, ereiferte sich, ließ seinen Speichel vor den Mund treten. Eine gelbe Kruste bildete sich um seine Lippen herum, frischen Speichel versprühte er aber immer noch, so daß die Schüler in der ersten Bank sich laut beklagten.

Herr Kaminski winkte ab sagte, hier ist aber das zweite Gesetz von Nefton zu beachten, das besagt:

Die wirkende Kraft und die erzielte Beschleunigung sind einander proportional, man schreibt F – a.

I – a , schrien die blöden Schüler, i – a skandierten sie laut und prügelten sich vor Freude, weil sie endlich etwas verstanden hatten.

Ruhe, brüllte Herr Kaminski schlug mit der Bambusrute an die Tafel, so daß der Namen Nefton von ihr verschwand und staubige Wolke wurde.

Er fuhr unbeirrt fort:

Das Verhältnis der wirkenden Kraft zur erzielten Beschleunigung ist für jeden Körper eine unveränderliche Größe, und es heißt, Masse ist die Eigenschaft jeder Materie, träge und schwer zu sein.

Schwer, sagte ich enttäuscht. Sone Schweinerei, schrie ich erbost und versetzte Gundula Bania einen Hieb in ihre dicken Titten, weil sie mir inzwischen die ganze Salbe weggelutscht hatte und mich allzu sehr mit ihrem Körper bedrängte.

Herr Kaminski sah mich giftig an:

Übt ein Körper auf einen anderen eine Kraft aus, so erfährt er von diesem eine entgegengerichtet gleiche Kraft und dergleichen mehr.

Herr Kaminski triumphierte. Er strahlte.

Ja und was kommt weiter, wollte ich wissen.

Nichts kommt weiter, das ist alles, sagte Herr Kaminski, lachte fing an in der staubigen Kreidewolke zu keuchen, während mir die freche Gundula Bania den Pickel auszuquetschen versuchte und von mir wieder eine eingeschmiert bekam.

Dann war die Schule aus. Ich lief über die Brücke und sagte mir, das hat keinen Sinn mehr. Ich pfeife auf solche Schule. Da kann man nicht Neues erfahren, nichts Nützliches. Es wird wohl besser sein, wenn ich mich meinen privaten Studien widme, Bücher waren ja reichlich vorhanden. Dieser Hugo Bombelka hatte recht gehabt als er abgehauen war von der Schule. Er ist bestimmt in seiner Bildung weit fortgeschritten, dachte ich und konnte mir ausmalen, wie viele Bücher in den Ruinen noch herumlagen, da die Deutschen eine Kulturnation sind und mit Vorliebe Bücher sammeln, auch wenn sie nichts von dem Inhalt kapieren und entnervt Krieg vom Zaum brechen. Trotzdem war die Laune verdorben.

Der Weltschmerz auch Mora genannt befiel mich aufs heftigste, ich überlegte kurz, ob ich der Geschichte nicht ein Ende setzen sollte. Das ist doch nicht auszuhalten in diesen Flegeljahren, sagte ich mir, guckte von der Brücke hinunter. Aber das konnte ich auch nicht machen. Von der Brücke springen und in dem vom Gift schäumenden Strudel den Tod suchen. Ich wäre gern in einen reinen Fluß gesprungen, um einen sauberen Tod zu erfahren. Aber nicht einen schmutzigen stinkenden wie die Hölle. Ich will ja nicht in die Hölle, sagte ich mir. Da muß ich wohl noch etwas warten. Vielleicht bietet sich eine Gelegenheit, in den Himmel zu kommen.

Um die verdorbene Laune zu zerstreuen und dem Weltschmerz entgegenzuwirken, beschloß ich, das gefährliche Untier im Wald Obora umzubringen. Ich klapperte die Ruinen ab, suchte nach Munition und Blindgängern, stieß auf Barabbas Mikka, der nach Ähnlichem suchte. Er tat als ob er mich nicht gesehen. Ich grüßte ihn auch nicht. Fand ein menschliches Skelett, in dessen Becken ein anderes aber winzig klein schepperte, wobei der Schädel unverhältnismäßig groß war. Wasserkopf, stellte ich fest und wurde nachdenklich.

Paß auf, sagte ich mir, daß du nicht sentimental wirst. Flegel neigen dazu, sentimental zu werden. Und das wollen wir hier nicht.

Ich lief in den Wald, stellte Vermutungen an, was für eine Art von Ungeheuer das sein dürfte, das schreckliche Tier. Mir war aber von Anfang an klar, daß ein Riesenfrosch ins Reich der Märchen gehört und nicht hierher nach Schlesien, wo vielmehr ein Krokodil zu erwarten wäre.

Gebückt lief ich in den Wald, ein paar Handgranaten unter den Mantelschößen, und ich entwickelte solche Geschwindigkeit, daß die Menschen mir aus dem Wege gingen. Alte Frauen in Schwarz bekreuzigten sich und riefen mir pfui du Teufel nach. Ich achtete aber nicht darauf, erreichte bald den Wald, der nicht groß war, dafür aber dunkel und ein wenig unheimlich. Ich verlangsamte den Schritt, tat umsichtig schlich mich an den Sumpf heran, wobei mir leicht schwindlig wurde. Das kommt von der Aufregung, sagte ich mir fuhr hoch als ich plötzlich auf ein Wölfchen stieß, das sich unvorsichtig von der Mutter entfernt hatte.

Ich packte das Tierchen am Hals, würgte die wehrlose Bestie, bis sie zappelnd den Geist ausgehaucht, dann schob ich dem toten Tier einige Handgranaten in die Kehle, verband alles mit einer Lunte, die ich mit dem Feuerstein anzündete, warf den Köder in den Sumpf und wartete nicht lange bis die großen Luftblasen das Auftauchen des Ungeheuers ankündigten.

Es kam mit lautem Getöse an die Wasseroberfläche, sah es sofort auf mich ab, erblickte aber das niedliche Wölflein und konnte es nicht verschmähen, sperrte den Rachen auf, schreckliche Zähne waren zu sehen in mehreren Reihen; ganz große vorne, dann immer kleinere nach hinten, damit der Rachen auch richtig schließt. Das Untier verschluckte im Nu das Wölflein, behielt mich während des Schluckvorgangs im Auge, schwamm auf mich zu, brachte nicht einmal den halben Weg hinter sich als es von einer dumpfen Explosion überrascht wurde. Das schreckliche Wesen konnte dem inneren Druck nicht standhalten, auch wenn ihm eine große Anstrengung anzusehen war, die blutunterlaufenen Augen spritzten aus den Augenhöhlen milchige Fäden hinter sich her ziehend. Ansonsten war dem gepanzerten Körper kein Schaden anzusehen, trotzdem versank er mit fürchterlichem Gezische und Geblubbere im Sumpf.

Die Natur hielt den Atem an. Vollkommene Ruhe herrschte im Walde.

So könnte die Geschichte eine Heimatgeschichte schmücken, sagte ich mir. Ein Märchen von dem schrecklichen Riesenfrosch und dem tapferen Jungen. Aber das war nur ein Scherz von mir, eine Geschichte mir selbst zuliebe und zu meiner eigenen Zerstreuung. In Wirklichkeit hätte es sich nur um ein Krokodil handeln können in dem Kleinen Sumpf auch Małe Bagienko genannt.

Berühmt in ganz Europa war die ägyptische Abteilung in dem Stadtmuseum, welche der deutsch-jüdische Baron Rothschild eingerichtet neunzehntes Jahrhundert. Eine echte Mumie war dort zu bewundern, die Tochter des Pharao, die aber eines Nachts verschwunden war unter mysteriösen Umständen. Unbekannte Täter hatten die Prinzessin entwendet, es mußten aber die tschechischen Viehdiebe gewesen sein. Als sie sahen, daß da keine Schätze drin waren in der Mumie, warfen sie die wertlose Tochter des Pharao in den Fluß Psinna, welcher mit dem Sumpf im Walde eine kaum vermutete Verbindung hatte unterirdisch, und da waren in den Tüchern, welche den zarten Körper der Prinzessin stramm umhüllten, verschiedene mitmumifizierte Würmer drin, Skarabäen Skorpione, Riesenameisen, aber auch ein Krokodilei, aus dem früher oder später ein echtes Nil-Krokodil schlüpfen mußte.

Müde von soviel geleisteter Arbeit schleppte ich mich langsam nach Hause und hatte keine Kraft mehr, die schwere Steinplatte zu heben. Ich hätte draußen übernachten müssen, hätte ich nicht urplötzlich die goldene Regel der Mechanik entdeckt.

Ich sagte mir, was an Kraft gespart werden will, muß an Weg zugelegt werden und es galt an Kraft zu sparen, wohingegen der Weg mir völlig egal war. Ich kramte den Pullock aus dem Hosenbund heraus, einseitiger Hebel, sagte ich mir, schob den Pullock unter die Steinplatte starr die Achse drehbar.

An Kraft gespart, an Weg zugelegt, die Gruft stand frei.

Ich zeigte dem Fürsten meinen Pullock, der Herrscher sah armselig aus, ließ die kostbare Salbe aus seinen Augenhöhlen hervorquellen, was ich ihm diesmal verzieh. Ich legte mich in den Sarg. Es träumte mir, ich schämte mich der letzteren Übertreibung und ich schwor mir, die ausufernde Phantasie zu bändigen und mich ab sofort anständig zu benehmen.

Unruhig schlief ich von Gewissensbissen geplagt, hoffte zugleich, daß meine Untaten den Flegeljahren zuzurechnen wären und nicht mir selbst […].

Taschenbuch, 316 S.,
ISBN 978-3-86276-029-9,
EUR 18,00