Regionalia

Harald Gröhler

Eine Selbstmörderin

Der Autor Harald Gröhler legt keine Texte vor, die man liest und sofort wieder vergessen würde. Zwei Erzählungen beschäftigen sich mit dem seinerseits durch die Jahrhunderte hindurch präsenten Johann W. Goethe. Ein Heutiger bringt es fertig, über quasi einen Trick Goethe zu besuchen; und der heutige Besucher kommt mit dem knallroten Abdruck einer Ohrfeige zur wartenden Freundin zurück. (Die historisch gesicherten Daten des letzten Tages von Goethe sind gewissenhaft-genau und kenntnisreich mit eingebaut.)
Die Herausgeberin des Buchs im Vorwort: Eine einfache Wahrheit ist heute nicht zu haben, das signalisiert auch die Bauart der Storys. Und Gröhler: „Ich habe die Literatur als etwas kennengelernt, das allen Systemen, die sie einfangen möchten, Widerstand leistet.“ Zum Beispiel die DDR wird durchleuchtet und lebendig auf eine total ungewohnte Weise. Dabei bleibt Gröhler unmittelbar am Faktischen. Historisch-real macht Gröhler das fest an einem unbequemen, begabten Mann, einem Regisseur aus der DDR-Zeit.
Jeder Geschichte liegt ein illegaler Vorgang zugrunde – oder ein skurriler. Zum Beispiel ein vierzigjähriger Gartenbau-Ing. findet im Dezember eine Fliege bemerkenswert, er verfolgt ihre Aktivität und leitet die Herkunft dieses Insekts aus dem Teuflischen ab. All das während des Tete-a-tetes mit einer jungen Frau.
Oder Gröhler berichtet von einem Kleidermalheur, einem heiklen fatalen, das zum Mittelpunkt bei einer überhaupt etwas untypischen Beerdigungsnachfeier aufsteigt.
In einer weiteren Geschichte: Ein Dutzend Hausbewohner, die im Hof miteinander diskutieren, ob Vögel neurotisch sein können. Und Strychnin taucht auf, das längst verbotene E 605 taucht auf, eine Amsel wird zum Auslöser für extreme Konsequenzen bei den neurotischen, gegeneinander arbeitenden Menschen.
Manche Geschichten haben auch mit eine kindliche Perspektive („Die Mutter eines Poeten“, „Ungesicherte Schnüre“). Was Gröhler fasziniert, sind die Übergänge zwischen jeweils der Kindheit und der Jetztzeit. Und nicht zum wenigsten treffen wir auf das Phänomen Sexualität; eine naive, eine unerfüllte, eine raffinierte, eine Anstoß erregende Geschlechtlichkeit. Immer wieder spürbar ist die männlich-weibliche Spannung, und nicht Männer, sondern öfter Frauen sind die treibende Kraft.
Der Erzählband, 296 Seiten, ist gleichzeitig in Deutschland und in Polen erschienen. Er ist zweisprachig, deutsch und polnisch.

Harald Gröhler ist geboren in Jelenia Góra und aufgewachsen in Nordbayern. Wilde, wüste Trampfahrten durch ganz West- und Südeuropa und bis nach Kleinasien. Studium Philosophie, Psychologie in Göttingen, Kiel, Köln. Literaturkritiker (vor allem für den WDR und für die F.A.Z.), danach freier Buchautor. Gröhler hatte Gastprofessuren an 2 Staats-Universitäten in USA inne (Texas; New Mexico). 17 Buchveröffentlichungen bisher (davon drei Titel in 2. Aufl.). Einzelne Texte Gröhlers sind in bis jetzt 10 Sprachen übersetzt worden. Gröhler ist unter anderem Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums. Er bekam verschiedene literarische Preise und Stipendien; z.B.: UNESCO-Stipendium Baltic Centre Visby, Schweden. Er erhielt auch den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Gedichte von ihm wurden vertont, ein Gedicht als Videoclip verfilmt. Er lebt in Berlin.

Kartoniert, 296 S.
ISBN 978-3-86276-155-5
EUR 18,00