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Clara von Sydow

Einsamkeiten

Der Hiddensee-Roman von 1911

Ein Bernstein impressionistischer Literatur

Clara von Sydow (1854–1928) wurde in Stettin geboren. Ihre Kindheit verlebte sie in Altenkirchen auf der Insel Rügen. Sie absolvierte das Lehrerinnenseminar in Frankfurt/Oder und arbeitete in Berlin und Stralsund als Lehrerin. Clara von Sydow schrieb Novellen, Gedichte und Dramen. Der Roman "Einsamkeiten" (1911) ist ihr letztes und reifstes Werk.

Nach der Originalausgabe München 1911.

 

Nachwort des Herausgebers

„Obwohl wir mit der pommerschen Dichtung der Gegenwart ein Stück dichterisches Neuland betreten, so finden wir, daß der Grundboden unserer heimischen Literatur von der Sturmflut der ,Moderne‘ doch nicht fortgespült worden ist. Die ,Moderne‘, die ja ihrem innersten Wesen nach eine Bewegung der Großstadt war, konnte hier nicht recht Raum gewinnen, […] die pommersche Dichtung der Gegenwart ist zum größten Teil aus dem Leben der Heimat emporgewachsen.“

Als Max Guhlke diesen Befund für seine im Jahr 1912 in Stettin erschienene „Pommersche Literaturgeschichte“ formulierte, kannte er Clara von Sydows 1911 in München veröffentlichten Roman „Einsamkeiten“ vermutlich noch nicht. Er erwähnte die Autorin lediglich unter der Rubrik „Frauenliteratur“ mit ihrer Novelle „Das selbe Lied“ (1884) und den „sozialen Erzählungen“ unter dem Titel „Ausweg“ (1893).

In der Einleitung zu seiner erstmaligen „Gesamtdarstellung der pommerschen Literatur“ skizziert er eine Metapher der pommerschen Literaturlandschaft: „Wie unser plattes Land von einem Höhenzuge durchbrochen ist, so läßt sich auch in unserer pommerschen Literatur […] eine beachtenswerte Hügelkette nachweisen.“ Zu den „Großen“ zählt Guhlke neben wenigen anderen Ewald Christian von Kleist (1715–1759), Ernst Moritz Arndt (1769–1860) und Hans Benzmann (1869–1926). In „zweiter Linie“ – „als Parallel-Höhenzug gedacht“ – steht für ihn neben Karl Lappe (1773–1843), Philipp Otto Runge (1777–1810), Ernst Scherenberg (1839–1905), Klara Bauer (1836–1876), Konrad Maß (1867–1950) und einigen anderen auch Clara von Sydow, wobei er summarisch einschränkt: „natürlich ist die Bedeutung dieser Dichter und Dichterinnen recht verschieden“.

Die Literaturwissenschaftlerin Roswitha Wisniewski erwähnt Clara von Sydow in ihrer im Jahr 2013 erschienenen Monographie „Geschichte der deutschen Literatur Pommerns“ überhaupt nicht. Nur ein Dutzend Bibliotheken im deutschsprachigen Raum besitzen jeweils eines oder mehrere Werke dieser Schriftstellerin (Karlsruher Virtueller Katalog). Zwar konnten die Rügener Heimatforscher Barb und Carl Zerning in der regionalen Presse einige Beiträge über Clara von Sydow veröffentlichen (Ostsee-Zeitung, 2000; Rügen-Impressionen, 2003), doch für die literarische Öffentlichkeit und die Literaturwissenschaft ist diese Autorin nahezu vergessen. Im Zeitalter der digitalen Kommunikation, das den rauschhaften Zauberglauben erzeugt, jeder Text, jedes Bild, jede Musik sei irgendwie jederzeit verfügbar, drohte ein literarisches Lebenswerk zu verschwinden.

„Zweierlei Arten von Werken brechen sich selbst ihre Bahn: die Schöpfungen der ganz großen Dichter, im Laufe der Jahrhunderte; und, bestsellerhaft = quick, der Edelkitsch“, schrieb Arno Schmidt in seinem Funkessay „Der Waldbrand, oder Vom Grinsen des Weisen“. „Deshalb ist es wichtig, für das Schaffen der Guten Meister zweiten Ranges einzutreten, die sonst oft, unbeachtet, durch die Dünung der Jahrzehnte an die Ränder des Literaturmeers gespült werden. Der normale Leser sieht sie nie. Der Germanist verzeichnet, bebrillten Gesichts und plombierter Zunge, das verschollene Jahr ihres Erscheinens, Titel und Seitenzahl. Der Selbst = Schreibende bestiehlt sie, und schweigt. So stehen die Bände und Bändchen, und harren ihrer Atombombe entgegen.“ (Arno Schmidt: Der Waldbrand oder Vom Grinsen des Weisen. In: Belphegor. Nachrichten von Büchern und Menschen. Karlsruhe 1961, S. 181. Auch in: Arno Schmidt: Vom Grinsen des Weisen. Ausgewählte Funkessays. Leipzig und Weimar 1982, S. 222)

Wie Arno Schmidts Essay für den Lausitzer Leopold Schefer (1784–1862), soll dieses Buch als Einstieg in eine Werkausgabe für die pommersche Schriftstellerin Clara von Sydow als einer Guten Meisterin zweiten Ranges wieder Leser gewinnen.

Clara von Sydow wurde am 17. Juni 1854 in der Hafen- und Garnisonsstadt Stettin geboren. Ihr Vater, Friedrich Bernhard Oscar von Sydow, selbst Schriftsteller, stammte aus der sächsischen Bergstadt Freiberg im Erzgebirge. Er heiratete in zweiter Ehe die in der ebenfalls erzgebirgischen Bergstadt Annaberg gebürtige Ida von Hagen. In Stettin war von Sydow zehn Jahre lang Militäroberpfarrer des II. Armeekorps. Als er die Superintendentenstelle in Altenkirchen auf Rügen erhielt, die er bis zu seinem Tod 1886 bekleidete, war Clara von Sydow drei Jahre alt. Ihre Kindheit und Jugend verlebte sie im Norden der Insel Rügen. Durch ihren Vater und durch Hauslehrer erhielt sie Unterricht. Im Alter von 13 Jahren besuchte sie die Höhere Töchterschule in Frankfurt/Oder, mußte aber nach zwei Jahren ins Vaterhaus zurückkehren, um die jüngeren Geschwister zu unterrichten. 1876 bestand sie in Frankfurt/Oder das Lehrerinnenexamen.

Die Angaben zu ihrer Biographie beziehen sich auf Artikel im „Lexikon deutscher Frauen der Feder“, Berlin 1898, und in Franz Brümmers „Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“, Leipzig 1913.

Bereits als Jugendliche schrieb Clara von Sydow ihre ersten literarischen Texte. In Frankfurt/Oder begegnete sie Ernst von Wildenbruch (1845–1909), der dort als Referendar am Appellationsgericht tätig war und gleichfalls am Beginn seiner Arbeit als Schriftsteller stand, die ihn als vielbeachteten Autor des Historiendramas hervortreten lassen sollte. Wildenbruch soll, ebenso wie Paul Heyse (1830–1914), der Literaturnobelpreisträger von 1910, Clara von Sydow zum Schreiben ermutigt haben. Es wäre spannend, dafür Belege zu finden, hat doch der prominente Heyse in eben jener Zeit auch Theodor Storm gefördert und mit Theodor Fontane, Gottfried Keller und anderen bedeutenden Schriftstellern korrespondiert. In Clara von Sydows Werk sind Blaupausen dieser starken Mentoren jedenfalls nicht auszumachen.

Nach dem Tod Oscar von Sydows zog die Familie nach Berlin. Die Mutter starb dort 1897. Clara von Sydow arbeitete als Lehrerin und schrieb weiter Novellen, Gedichte und Romane. Sie lebte in Berlin-Wilmersdorf auf drei Adressen: auf der Marburger Straße 16, der Holsteinischen Straße 14 und auf der Fasanenstraße 49, zumeist zusammen mit ihrer als Lehrerin tätigen Schwester Elisabeth. 1902 erschien Clara im Adreßbuch erstmals als Schriftstellerin, später auch wieder als Fräulein. Von 1908 bis 1910 wird Clara von Sydow im Berliner Adreßbuch nicht erwähnt, nur ihre Schwester. Hier kann bisher nur vermutet werden, daß sie in diesen Jahren wieder bei der Familie auf Rügen lebte. Demnach müßte sie die „Einsamkeiten“ auf Rügen geschrieben haben.

1880 erschien in der auflagenstarken Illustrierten „Gartenlaube“ in Fortsetzungen ihre stralsundische Geschichte „Dorette Rickmann“, 1881 in der „Deutschen Rundschau“ in zwei Teilen die Novelle „Was macht man auf Hohenstein?“, 1882 in der „Gartenlaube“ die Novelle „Spätsommer“, 1885 in der renommierten Kulturzeitschrift „Westermanns Monatshefte“ die Novelle „Die Silhouette“.

Diese beiden letzteren Novellen konnte die Autorin 1887 im Piersons Verlag Dresden und Leipzig als Buch veröffentlichen, und weil die Manuskripte so lange beieinander im „Tischkasten“ der Schriftstellerin ausharren mußten, sollten sie unter dem Titel „Alte Gefährten“ wieder ans Licht kommen. Die Handlungen beider Novellen sind auf der Insel Rügen und in Berlin angesiedelt.

1884 kam bei den Gebrüdern Paetel in Berlin – dem Verlag der von Clara von Sydow besonders verehrten Marie von Ebner-Eschenbach sowie von Theodor Storm, Paul Heyse und weiteren maßgeblichen Autoren – der Roman „Das selbe Lied“ heraus, der wiederum auf Rügen und in Berlin handelt. Im Jahr 1900 folgte in Fehsenfelds Romansammlung – der Verleger wird sich bald darauf Karl May zuwenden – die in einem hessischen Kurort verortete Novelle „Miteinander“.

Die Pflichten gegenüber ihren Geschwistern nach dem Tod der Mutter, neben der Arbeit als Lehrerin, werden sie in einem Maße in Anspruch genommen haben, das ihre literarische Produktivität eingeschränkt hat. 1911 erschien bei Beck in München ihr letztes und reifstes Werk, der Roman „Einsamkeiten“.

Max Guhlke nahm zwei Gedichte – das „Abendlied“, das Sien auf dem geselligen Gutsabend gesungen hat und leitmotivisch mehrfach im Buch zitiert wird, und „Ich möchte noch nicht sterben“ – in den 1913 in Stargard veröffentlichten Band „Pommersche Lyrik“ auf, der eine „Auslese aus der pommerschen Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart“ vereint. Gedichte erschienen auch im Jahrgang 1926 der Zeitschrift „Unser Pommerland“.

1922 zog Clara von Sydow vor die Küste ihrer geliebten Insel Rügen, in die Hansestadt Stralsund. Am 18. November 1928 ist sie dort verstorben.

Mit „Einsamkeiten“ hat Clara von Sydow die Schwelle zur Moderne betreten. Wenn Guhlkes eingangs zitiertem Diktum zuzustimmen ist, gebührt Clara von Sydow der Rang als erste pommersche Schriftstellerin, die mit ihrer Kunst den Anschluß an die zukunftsweisenden geistigen Strömungen des 20. Jahrhunderts gefunden hat. Das Buch kam im selben Jahr heraus wie Eduard von Keyserlings berühmte „Wellen“, eines der raren Meisterwerke impressionistischer Literatur. Wie dieser, schildert sie die Ostsee als Symbol für das vergehende und werdende, unfaßbare Leben, für das „große Geheimnis“. Nicht die Gegensätze zwischen der stillen Meeresinsel und der hektischen Großstadt, Landleben und Stadtleben, bestimmen die Spannungen in ihrem Buch, sondern die Konflikte in den Menschen, ihre seelischen und psychischen Tragödien.

Wie die Meereswellen, so begegnen Hans von Galen und Sien Helbig einander „aus der Einsamkeit in die Einsamkeit“. Es gibt zwischen beiden kein einziges Gespräch, das ihre Konflikte und Sehnsüchte auch nur berühren würde. Dennoch sind sie schweigend miteinander im beständigen Dialog, wie ein Wellenspiel, gefangen in der eigenen Seele zwischen Jubel und Pein. Selbst das Geständnis ihrer Liebe wird nur verschlüsselt ausgesprochen. Es sind bezaubernde, betörende, beklemmende, endlose Einsamkeiten, die in diesem Buch einander begegnen, oft in erlebter Rede erzählt, was einmal mehr auch an Jane Austen denken läßt. Clara von Sydow entläßt ihre Leser nicht ohne Hoffnung, aber ohne jeden Trost.

Die schmerzhaft analysierende Seelenzeichnung, farbenflirrende Landschaftsschilderungen und die Verheißungen des Lebens als das unergründliche „Große Geheimnis“ kennzeichnen in diesem Buch den impressionistischen Geist der Moderne. „Einsamkeiten“ läßt sich vordergründig als die Geschichte des Hans von Galen lesen, aber Sien Helbig ist die rätselhaft leuchtende, kraftvolle, leidenschaftlich moderne und sehnsüchtig erotische „Heldin“ dieser Geschichte. Alle die liebevoll ernsthaft, voller Witz und Ironie und fein beobachteter Alltagsverrichtung gezeichneten Figuren, die Kleine Mutter, Hanne Kagelmacher, Philemon und Baucis, Resi Schwarz, Pastor Beermann und die anderen, schließlich auch Hans von Galen, gruppieren sich um diese junge Frau.

Clara von Sydow hat studiert und in ihrem Beruf eigenes Geld verdient, das ihr erlaubte, ihrer Berufung zu folgen und auch ihre jüngeren Geschwister zu unterstützen, nachdem die Eltern gestorben waren. Sie war eine unabhängige Frau, geheiratet hat sie nie. In welcher Weise sie an den geistigen Debatten ihrer Zeit, am Austausch über Kunst und Gesellschaft, teilgenommen hat, darüber kann bisher nur spekuliert werden. Ohne ein hellwaches, kenntnisreiches Interesse an ihrer gesellschaftlichen Umwelt hätte sie dieses Buch nicht schreiben können.

Es liegt nahe, vieles der Clara von Sydow in Sien Helbig abgebildet zu sehen, weniger die Lebensdaten als die Seelenlandschaft und die geistige Verfassung. Die Hinwendung zur sozialen Realität, die kritischen Fragen zur Religionspraxis, im besonderen Maß aber der analysierende Blick auf den Standort der Frau in der Gesellschaft weisen weit über die Entstehungszeit dieses Buches hinaus.

Clara von Sydow schildert auf der Ostseeinsel Hiddensee und in Berlin keine heile, aber eine geordnete Welt. Wenige Jahre darauf ist diese Welt an ihrer eigenen Ordnung in Trümmer gefallen. Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges freilich konnte die Autorin nicht ahnen, aber sie hat ihrem Roman auch das Fragile einer anscheinend ewig in ihren Grundfesten verankerten Gesellschaft eingeschrieben.

Detlef Krell
Dresden und Grieben auf Hiddensee, im Mai/September 2014

Edition Gellen, Band 2
2., überarbeitete Auflage
Nach der Originalausgabe München 1911
Kartoniert, 420 S.
ISBN 978-3-86276-144-9
EUR 18,00