Ältere Ausgaben

SILESIA NOVA 4/2012

Detlef Krell: Editorial

„Einfach. Eigen. Einzig“. Otto Mueller im Lehmbruck Museum Duisburg

Łukasz Musiał: Der Kreisel. Prof. Hubert Orłowski zum 75. Geburtstag

Krzysztof Ruchniewicz: Zwangsmigrationen als Instrument der deutschen und sowjetischen Okkupationspolitik. Das Gebiet Polens in den Jahren 1939–1941

Joachim Rott: Jochen Klepper in Breslau

Karoline Gil: Hans-Georg Gadamers philosophische Anfänge in Breslau

Max Herrmann-Neiße: Ein Dichter erlebt Breslau

Thomas Maruck: „… vertiefe mich lyrisch weiter in meine Schwermut.“ Der Dichter Max Herrmann-Neiße erlebt Breslauer Lokalitäten

Cezary Lipiński: Lessing in den höheren Kattowitzer Schulen im Zeitraum 1875–1914

Frommer Ketzer und Anarchist oder Zurück nach Zabrze. Janosch im Gespräch mit Angela Bajorek

Wolfgang Bittner: Der Entwurzelte: Horst Bieneks oberschlesisches Schicksal

Manfred Papst: Geboren am 27. August 1967 in Timisoara. Laudatio auf Catalin Dorian Florescu. Zur Verleihung des Eichendorff-Preises 2012, Wangen im Allgäu

Rudolf Lenz: Die Nepomuk-Skulptur in Polnisch Schweinitz/Świdnica Polska. Ihr Stifter – ihr Künstler

Revolution, Reform oder Restauration. Die Befreiungskriege – Ausstellung im Haus Schlesien

Rezensionen

 

Sebastian Mrożek über Sigrid Grün: „‚Fremd in einzelnen Dingen‘. Fremdheit und Alterität bei Herta Müller“

Marc Zirlewagen über Kai Kranich: „Anpassung im Nationalsozialismus. Die Universität Breslau und die Aberkennung von Doktortiteln“

Monika Siekierka über Renata Schumann: „Hedwig von Schlesien“

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

mit sieben herausragenden Persönlichkeiten des geistigen Lebens in Deutschland befassen sich Beiträge in diesem Heft. Wenige, aber wesentliche Berührungen verbinden die Biographien dieser Männer, europäisches Format ihr Werk.

Den Maler und Grafiker Otto Mueller (1874–1930), vor seinem frühen Tod Professor an der Breslauer Kunstakademie, präsentiert eine Werkschau im Wilhelm-Lehmbruck-Museum Duisburg, die auch mit dessen Etikettierungen als „‚Brücke‘-Maler“ und „Zigeuner-Mueller“ aufräumen möchte. Stattdessen gibt sie den Blick frei auf die von Kategorisierungen freie künstlerische Leidenschaft des Schlesiers: den Zauber, die ungezwungene Erotik junger Mädchen.

Studenten der Breslauer Universität waren der Schriftsteller Max Herrmann-Neiße (1886–1941), der Philosoph Hans-Georg Gadamer (1900–2002) sowie der Journalist und protestantische Liederdichter Jochen Klepper (1903–1942).

Jochen Klepper, an den unser Autor Joachim Rott erinnert, ist vom niederschlesischen Beuthen an der Oder über Erlangen nach Breslau gelangt, um Theologie zu studieren. Dieses Vorhaben gab er jedoch 1926 auf, um fortan als freier Journalist und Schriftsteller seiner Berufung zu folgen, unter anderem ab 1928 für die „Schlesischen Monatshefte“. Unter dem Druck der Nationalsozialisten nahm er sich am 10. Dezember 1942 gemeinsam mit seiner von der Deportation bedrohten jüdischen Frau und der Stieftochter das Leben.

Hans Georg Gadamer wurde in Breslau geboren, an der Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität begann er sein Studium. Dort fand er zur Philosophie, bevor er, dem Umzug der Eltern folgend, nach Marburg gelangte. Die junge Kulturwissenschaftlerin Karoline Gil, mit Gadamer schon durch ihre einstige Heimatstadt Heidelberg verbunden, porträtiert anläßlich dessen 10. Todestages einen der einflußreichsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Beizeiten aufgegeben hat die akademische Karriere der Dichter Max Herrmann. „Doktor sagt sowieso meine Wirtin zu mir“, zitierte er einen Freund und fand seine Lebensuniversitäten in den Gasthäusern, Weinstuben, Cafés und Kleinbühnen der Oderstadt, bevor er in seine oberschlesische Geburtsstadt Neisse zurückkehrte und das wurde, „was man einen freien Schriftsteller schimpft“. Von den Nationalsozialisten aus dem Land getrieben, versagte Max Herrmann-Neiße am 8. April 1941 das Herz im Londoner Exil.

Unser Mitherausgeber Thomas Maruck ist den Erinnerungen des Dichters auf den historischen Stadtkarten und durch die Lokale im heutigen Wrocław gefolgt. Er hat die meisten der einladenden Adressen ausfindig gemacht: das „Räudel“, dessen Haus bis heute besteht, den „Blauen Affen“, das „Liebich“ und wie sie sich alle „schimpften“; Erinnerungsorte des Alltags der Odermetropole, untergegangen mit der deutschen Stadt Breslau und bewahrt im Gedächtnis von Wrocław. Die Erinnerung an Max Herrmann-Neiße gehört, wie Thomas Maruck schreibt, „zu den vornehmsten Dingen, denen man sich beim Gang durch Breslau und seine Wirtshäuser widmen kann“. Das geht heute auch im „Brajt“ am Oderufer (und was war dort zu deutscher Zeit, auch eine Kneipe? Wer von den Breslauern unter unseren Lesern weiß etwas und schreibt es uns?) oder in der „Mleczarnia“, im ehemaligen jüdischen Viertel.

Von Zabrze in Oberschlesien über die Bücherregale unzähliger Leser aller Generationen und der meisten Länder, die im Großen Kleiner Tiger Atlas Platz gefunden haben, bis in die Hängematte auf Teneriffa führt der Lebensweg von Janosch, mit dem die Krakauer Literaturwissenschaftlerin Angela Bajorek einige Gespräche führen konnte. Beim Cholonek!

Janosch nennt Horst Bienek (1930–1990) als den oberschlesischen Autor, der ihm in besonderer Weise verbunden war. Von dem ebenfalls in Gleiwitz geborenen Schriftsteller Wolfgang Bittner veröffentlichen wir einen etwas älteren Beitrag, der sich sehr persönlich dem Andenken an Bienek widmet.
Schließlich gewährt der Grünberger Literaturwissenschaftler Cezary Lipiński einen ausführlichen Blick in die Deutsch-Lehrpläne der höheren Schulen in Kattowitz zwischen 1875 und 1914. Welchen Platz hatte darin Gotthold Ephraim Lessing?

Silesia Nova wünscht Ihnen Gesundheit und Erfolg im neuen Jahr, und bleiben Sie uns treu. Wir lesen uns bald wieder, im 10. Jahrgang dieser Kulturzeitschrift.
Detlef Krell

ISBN 978-3-86276-082-4 / 148 S. / EUR 12,00