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Leszek Libera

Testament Utopka

Das böse Ende der schlesischen Schelmentrilogie

Utopek Buks Molenda hat als nunmehr alter Mann alle Hände voll zu tun, ist er doch zum ehrenamtlichen Wassertumwächter ernannt worden, was dem Amt des Stadtchronisten gleichzusetzen ist. Hinzu kommt, daß drei geheimnisvolle Frauen seinen baldigen Tod verkünden. So kommt er nicht umhin, sein Testament aufzusetzen. Das Erzählen von Geschichten aus der Kindheit und Jugend hindert ihn nicht, sich der Gegenwart zu widmen, sie scharf zu beobachten und zu kommentieren. So wird die neuere politische Entwicklung in Polen und Deutschland mit Spott überzogen, die nahe und endgültige Weltkatastrophe als unumkehrbar vorausgesehen. Die Utopeks geben die Geschichte auf, das Projekt „Planet Erde” wird von ihnen für gescheitert erklärt.

Leseproben

Ach du lieber Gott, rief ich aus, das ist ja genauso schlimm wie in Schlesien. Hier sprechen diejenigen die sich für deutsch halten Polnisch, und die Polen heimlich Deutsch, die meisten auch Schlesisch. Wasserpolnisch soll es auch geben, also da ist noch Tschechisch drinne vermischt mit weiteren Sprachen unklarer Herkunft auch Beblanie genannt. Kein Wunder also, daß die Schlesier als des Verrats verdächtig gelten. Dazu kommen noch die Utopeks, welche ihre eigene Sprache sprechen, einige andere auch, zum Beispiel vornehm Französisch. Gibt es bei euch auch Utopeks oder ähnliches, fragte ich, um sicher ein Ja zu hören, denn es steht geschrieben, die Utopeks hätten sich über den ganzen Erdball verbreitet.

[…]

Frauen und Männer dürfen niemals gemeinsam in einer und derselben Anstalt untergebracht werden, das ist undenkbar. Schließlich reicht es sich zu vergegenwärtigen, was außerhalb der Anstalt passiert, wo die Frauen und die Männer aufeinander losgehen und für heilloses Durcheinander sorgen Hölle auf Erden genannt. Daß der kleinwüchsige Führer nicht singen kann, merkt man, wenn er die polnische Nationalhymne auf der Straße singt. Es ist ein Kreischen ohnegleichen und die Menge schwenkt die Fahnen. Hat sowieso Glück (ich meine den Führer), daß er nicht in Schlesien die Jugend verbringen mußte, sonst wäre er in die I.A.Schule geschickt worden. Und Herr Kaminski war sehr empfindlich, wenn jemand die Hymne Jeszcze Polska nie zginela auch nur mit einer falschen Note sang. Seine Bambusrute zischte sofort auf den Falschsinger nieder, so ging er nach Hause mit Platzwunden am Kopf und bekam dort weitere Prügel von der bösen Mama. So wäre der kleine Führer nie Führer geworden, sondern womöglich in der Erziehungsanstalt untergebracht und sein Zwillingsbruder gezwungenermaßen auch. So liegt es auf der Hand, daß in Schlesien, das an sich ein erbärmliches Land ist, manches doch von vornherein besser gelöst wird und geschichtlich erprobt.

[…]

Pjerun jedyn, sagte ich mir. Ich muß mich sputen, sonst schaffe ich es nicht, das Testament auch der Letzte Wille genannt beim Mäzen Affa abzuliefern. Zunächst werde ich den Doktor Zolondek aufsuchen, dachte ich mir. Der verdammte Tinnitus macht mir dermaßen zu schaffen, daß ich oft unfähig bin, irgendetwas zu tun und es packt mich ein wildes Verlangen aus dem Fenster zu springen von dem obersten Stock.

Viele Tinnitusbefallene springen aus dem Fenster und bereiten auf diese Weise dem inneren Feind ein Ende, löschen das Pfeifen und Zirpen

im

Kopf

aus.

Andere drehen durch und landen in der Nervenanstalt, aus der sie oft nie wieder herauskommen und der Tinnitus bleibt bestehen, also ist der Aufenthalt dort überflüssig.

Als er mich plötzlich vor sich stehen sah, erblich er, fragte, es ist soweit.

Eigentlich ja Herr Doktor, sagte ich. Allerdings kann ich die Vollstreckung verschieben. Falls Sie mir helfen können.

Um was handelt es sich denn, fragte er. Was haben Sie, Herr Molenda.

Tinnitus, Herr Doktor. Der treibt mich in den Wahnsinn.

Ach ja. Doktor Zolondek sock in sich zusammen. Das ist nicht gut. Tinnitus auris. Schwierig.

Aber man kann was machen oder. Die Medizin macht große Fortschritte.

Doktor Zolondek lächelte traurig. Das trifft zu, sagte er, wurde noch trauriger.

Ach kommen Sie Herr Doktor.

Ich ließ nicht locker. Die Verzweiflung nährt die Hoffnung, sagte einmal ein Philosoph, dachte ich, man weiß nur nicht, ob er auch einen Tinnitus hatte.

[…]

Der Staatsanwalt räusperte sich, fuhr fort, der Mann wurde nach dem Datenabgleich mit Warschau als bedeutendes Mitglied der ukrainischen Mafia identifiziert. Leider läßt die Mitarbeit mit dem Generalstaatsanwalt, welcher zugleich der Justizminister ist, es herrscht dort ein gewisses Chaos, zu wünschen übrig. Bevor wir die Informationen bekommen haben, war der Verdächtige mit seinem Mercedes längst über alle Berge.

Ach du Schande, rief ich aus.

Sie wissen nichts davon, drängte der greise Staatsanwalt.

Ich kann mich nicht erinnern. Verstehen Sie, der Tinnitus ist schuld.

Welcher Titus, Sie sagten vorhin Titanicus.

Tinnitus, Herr Staatsanwalt. Tinnitus.

Sie nennen mir bereits einen dritten Namen. Der war bestimmt auch ein Römer oder.

Kann ich gehen, Herr Staatsanwalt.

Wir werden Sie im Auge behalten, Herr Molenda. Eine Geldstrafe bekommen Sie sowieso aufgebrummt wegen Unruhestiftung und nichtgenehmigter Demonstration.

Wie viel soll das sein, fragte ich. […]

Ich stand auf, sammelte meine Kryki zusammen, humpelte zur Tür, drehte mich noch einmal um sagte laut, denken Sie an Ihre Urlaube im ehemaligen Jugoslawien, Herr Staatsanwalt. Nach Massenmördern wird immer noch international gefahndet, die können Sie bald drannehmen. Von Denunzianten wimmelt es nur in der Stadt und Umgebung, wie Sie selbst am besten wissen.

Kartoniert, 316 S.
ISBN 978-3-86276-291-0
EUR 16,80
Erscheint im März 2020